Podiumsdiskussion “Haltung zeigen – wie sollten Fleisch, Eier und andere tierische Produkte gekennzeichnet werden?“

12.01.2018

Verbraucher*innen wollen eine Kennzeichnung: Aufgrund der großen ökologischen und sozialen Probleme ist die Massentierhaltung gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert. Verbraucher*innen lehnen mehrheitlich diese Art der Tierhaltung ab. Laut einer Umfrage des Landwirtschaftsministeriums wollen mehr als 80 Prozent der Befragten Informationen zu Haltungsbedingungen von Tieren auf Verpackungen finden. Außerdem sind die meisten bereit, einen höheren Preis zu zahlen, wenn dafür sichergestellt ist, dass die Tiere artgerecht gehalten werden. Eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des BUND zeigt: Über zwei Drittel der Deutschen befürworten strengere Vorschriften zur artgerechteren Haltung von Nutztieren. Außerdem sprechen sich vier von fünf Bürger*innen für eine verbindliche staatliche Haltungskennzeichnung bei tierischen Lebensmitteln aus.

 

Diesem Thema widmete sich die Podiumsdiskussion am Donnerstag in Berlin. Eingeladen hatte der BUND. Das Einführungsreferat hielt Prof. Dr. Achim Spiller. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Agrarpolitik (WBA) beim BMEL und Mitautor des Gutachtens des WBA „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“.

 

An der Podiumsdiskussion beteiligten sich zudem

Dr. Claudia Salzborn (Deutscher Tierschutzbund)

Sophie Herr (Verbraucherzentrale Bundesverband)

Silvia Bender (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland)

Paul Ney (Bundesministerium für Ernährung, und Landwirtschaft)

Heinrich Dierkes (Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschland)

Sven Deter (Landesbauernverband Brandenburg)

 

Prof. Spiller bezifferte in seinem Eingangsreferat die Umbau-Kosten für mehr Tier- und Umweltschutz auf 3 - 5 Mrd. Euro jährlich. Diese Kosten sollten jedoch nicht nur die Landwirte tragen.

 

Hierfür gibt es drei Finanzierungsquellen.

  1. Die Umverteilung der EU-Agrarsubventionen: Deutschland erhält derzeit jährlich rund 6,2 Milliarden Euro an EU-Mitteln. Diese Mittel könnten mit der neuen Förderperiode gezielter an mehr Tier- und Umweltschutzmaßnahmen gekoppelt werden.
  2. Selbstverpflichtung des Handels und der Industrie: Solche Branchenselbstverpflichtungen können bestimmte Praktiken, z. B. das Kopieren von Schwänzen bei Schweinen ausschließen, einen Massebilanzansatz oder die Auslistung bestimmter Produkte zum Inhalt haben.
  3. Label bzw. die Produktkennzeichnung.

Um Letzteres ging es bei der Podiumsdiskussion vornehmlich.

Vorhandene Kennzeichnungslücken sowie das geringe Angebot für gekennzeichnete Produkte, z. B. mit dem Tierschutzlabel, sind Gründe dafür, dass dieses Marktpotenzial gegenwärtig nicht annähernd ausgeschöpft wird. Fleischprodukte werden gegenwärtig in den meisten Fällen vielmehr als Standardware über den Preis vermarktet.

 

Bei der Kennzeichnung gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  1. Verpflichtende Haltungskennzeichnung oder
  2. Freiwillige Label oder Siegel

Aus meiner Sicht wäre eine verpflichtende staatliche Kennzeichnung am besten geeignet, um Transparenz zu schaffen. Die Eierkennzeichnung ist ein Erfolgsmodell. Diese staatliche Kennzeichnung hat das Kaufverhalten der Verbraucher*innen enorm beeinflusst. Nach diesem Vorbild ist es auch bei tierischen Produkten empfehlenswert, die bereits bekannten Einstufung von Null bis Drei einzuführen.

 

Sven Deter vertrat die Auffassung, es geht bei der Nutztierhaltung im Gegensatz zu den Haustieren, nur um die Ökonomie. Allein aus diesem Grund ist er bestrebt Tiergesundheit zu berücksichtigen. Zudem sind die Nutztierhalter vom Handel abhängig. Dr. Claudia Salzborn machte darauf aufmerksam, dass Tierwohl mehr ist als Tiergesundheit und Silvia Bender wies darauf hin, dass die Nutztierhalter und Landwirte sich die Verbraucher zum Partner machen sollten, um eine nachhaltige Landwirtschaft zu erreichen.

 

Fazit: Durch eine Kombination aus staatlichen Zahlungen, Branchenselbstverpflichtung und der Nutzung von Marktchancen, die sich aus der positiven Grundeinstellung des überwiegenden Teils der Bevölkerung zum Tierschutz ergeben, ist mehr Tier- und Umweltschutz finanzierbar. Allein der Wille und der Mut es tatsächlich auf den Weg zu bringen ist bislang unterschiedlich ausgeprägt.

 

Mein persönlicher Eindruck war, dass bei der Produktkennzeichnung insbesondere die Verbandsvertreter – hier der Vertreter des Landesbauernverbandes Brandenburg - mächtig auf der Bremse stehen. Das Bild, das sich mir während der Veranstaltung aufdrängte, war das von dem Kaninchen vor der Schlange. Das Kaninchen, die Vertreter des Landesbauernverbandes und die Schlange, der Lebensmitteleinzelhandel. Letzterer suggeriert den Nutztierhaltern die Geschichte vom billigen Fleisch durch immer stärkere Intensivierung der Produktion. Das Kaninchen, starr vor Angst, macht alles was die Schlange sagt. Dabei könnte das Kaninchen mit den Millionen von Verbraucher*innen die Schlange zum Umdenken bewegen.

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